A. Khurgin. Rote Strumpfhose (aus dem russischen)

Nona starb unerwartet. Soll heißen – niemand hatte dies von ihr erwartet. Sie selbst hatte es offensichtlich auch nicht vor, sondern fröhlich zu leben hatte sie vor. Zumindest deshalb, weil sie buchstäblich drei Tage vor ihrem Tod eine rote Strumpfhose kaufte. Mit dem Ziel, sie zu tragen. Vielleicht nicht jeden Tag, aber zu bestimmten feierlichen Gelegenheiten, wie zum Beispiel zu ihrer und Sevas gemeinsamer Ausstellung.

Sie war eine Malerin, Nona. Wie man so sagt: von Kopf bis Fuß. Und Seva – ihr Mann – war auch Künstler. Und bei ihnen sollte in einer kleinen feinen Galerie eine Ausstellung mit Verkauf stattfinden. Deswegen hatte sie sich die Strumpfhose gekauft, die rote, wie eine Fahne – damit sie die Aufmerksamkeit nicht nur mit ihren Bildern auf sich zieht, sondern auch mit ihr selbst. Aber plötzlich versagten ihre Nieren, ganz von alleine.

Erfahrene Ärzte haben zunächst überhaupt nicht verstanden, was mit ihr passiert ist und warum ihr auf einmal so schlecht geworden ist. Und als sie dank moderner Analysemethoden und verschiedenen Ultraschalls doch die Ursache festgestellt hatten, war es schon für jede Hilfe zu spät. Obwohl sie es nicht wahrhaben wollten, ist sie gestorben. Ungeachtet all ihrer Lebenslust und Lebensfreude. Und ungeachtet ihrem Lieblingsspruch: „Alles wird gut und sehr gut.“ Nona wiederholte oft den Spruch. Und das Letzte in ihrem Leben, was sie laut sagte, war dieser Spruch.
Sie kam zu sich, sah, dass ihre älteste Tochter neben ihrem Tropf stand und weinte. Da scherzte sie nochmit einem Zitat aus dem Buch von Kornej Ivanovitsch Tschukovski „Lebendig wie das Leben“: „Mädchen, aus welchem Grund weinst du?“ Dann holte sie tief Luft und fügte diesen ihren Spruch hinzu. Mehr sagte sie nicht – bis zuletzt. Nur manchmal machte sie die Augen auf und schaute um sich .

Noch eine halbe Stunde vorher hatte der Arzt zu den Töchtern dasselbe gesagt. Nämlich dass alles gut wird, so sagte er, und, dass sie heute ruhig nach Hause gehen könnten; morgen aber, wenn sie wollten, könnten sie wiederkommen. Den Vater schickten sie auch weg, selbst aber blieben sie doch. Irgendwas hielt sie auf und ließ nicht schlafen gehen. Der Vater war noch nicht mal zu Hause, als Nona nicht mehr da war. Auf dem halben Weg kehrte er sich zurück, aber es war schon zu spät, das heißt -vergebens.

Was wichtig ist: die Ausstellung wurde schon überall, wo es möglich war, publik gemacht – einschließlich der Presse – und die Bilder hingen schon an den Wänden. Und jetzt, hieß es, sollte man stattdessen eine andere Veranstaltung organisieren, eine traurige. Gott sei Dank kam jemand Folgendes in den Sinn: „Statt“ ist fehl am Platze und passt nicht, alles muss sein, wie es geplant wurde und zu bestimmter Zeit am bestimmten Ort stattfinden.

Aus diesem Grund fuhren alle mehr oder weniger näheren Bekannten direkt vom Friedhof zur Galerie. Die Ausstellung zu eröffnen und Nona mit guten Worten zu gedenken. Ihre Mutter und der Bruder, die von weither angereist waren, fuhren auch mit. Alle anderen fremden Leute, die Nona und Seva nicht privat, sondern nur als Maler kannten, kamen einfach so zur Ausstellung, wie sie es auch für den Frühlingsabend ohnedies vorhatten. Nichts wissend über Nonas Tod. Der Galerie-Besitzer – mit Sevas Zustimmung und Gutheißung – verzichtete darauf, Nonas Porträt schwarz zu berahmen und zum Geburtsdatum kein zweites Datum im Katalog dazuzuschreiben.

Tja, und weiter ging alles von selbst, wie es auch auf solchen Veranstaltungen gewöhnlich geht. Erst mal die Reden von Galeristen, Kunstverständigen, Kollegen und Freunden. Dann Besichtigung der Exposition, Gespräche, zudem ein Saxofonist, Wein, Kanapees, Kekse und ähnliche Leckereien.

In der Dankesrede verplapperte sich Seva allerdings, indem er sagte: „Man sagt zu mir: ‚Sei stark!‘ Aber ich denke nur – über so viele Jahre – immer zusammen. Im Atelier, zu Hause, auf Reisen … Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich stark sein soll.“ Aber die meisten der Kunstliebhaber kapierten nicht, wovon er sprach. Und sie ließen seine Worte mit verständnisvoller Miene zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Überdies hatte er nichts mehr zu Nonas Tod gesagt. Und andere Angehörige auch nicht. Sie zogen es vor, über etwas anderes zu sprechen. Zum Beispiel über moderne Kunst. Den Toten ist es eh egal, für die Lebenden aber ist es so leichter. Die Lebenden reden lieber über Kunst, als über den Tod und die Toten. Besonders wenn sie umsonst ein Gläschen Rotwein mit inhaltlich und geschmacklich ausgefallenen Häppchen bekommen.

Außerdem sprachen sie über die Bilderpreise. Zugestanden: hauptsächlich die Galerie-Besitzer und diejenigen, die hierher kamen mit dem Ziel, etwas für sich als Eigentum zu erwerben. Vielleicht fürs Interieur oder die eigene private Kollektion – oder einfach, um einen glänzenden Vertreter des Kunstwerkes zu unterstützen. Schon eine halbe Stunde später flüsterte der Besitzer Seva zu, dass zwei Werke von Nona für gutes Geld weggingen. Und von Seva auch eins. Seva antwortete ihm darauf: „Nun, jetzt endlich werden wir gut leben.“ Und fügte hinzu: „Man könnte meinen, dass wir früher immer schlecht gelebt haben.“

Im Großen und Ganzen kam die Eröffnung der Ausstellung wie erwartet zustande und verlief erfolgreich nach dem vorgesehenen Plan. Die örtliche Zeitung berichtete darüber in der Sparte „Kunst und Sport“. Der Autor des Artikels stellte Nona als talentierte Malerin dar, und veröffentlichte ihr Foto, das er sogar in seinem privaten Archiv fand. Jedoch ärgerte er sich darüber,  dass er es nicht geschafft hatte, die Gefeierte unmittelbar bei der Vernissage zu fotografieren. Den Seva hatte er bestimmt  zehnmal geknipst, aber Nona einfach außer Acht gelassen. Vielleicht müsse er es mit dem Trinken doch etwas langsamer gehen lassen – zumindest bei der Arbeit.

Als Nonas Mutter das Bild aus alter Zeit in der Zeitung sah, fing sie wieder an zu weinen, bei Seva aber war es genau umgekehrt. Er meinte: „Erzähl doch mal einem, dass sie nicht mehr da ist. Hier, da ist sie, steht ja in der Zeitung. Keiner wird dir glauben.“

Er glaubte es ja selber nicht, der Seva, was sollte man über andere reden. Und deswegen lief auch alles weiter so – weil man es nicht glauben konnte.

Erst diese Ausstellung.  Dann das Neun-Tage-Gedenken fiel auf Nonas Geburtstag. Seva nahm sein Bilder von den Wänden, hing Nonas Bilder großflächig auf, ergänzte sie noch mit denen, die seit Jahren im Atelier gelagert wurden. So wurde daraus eine Retrospektive. Die Galerie-Besitzer freuten sich darüber, denn die Verkäufe belohnten ihren Optimismus.Und diese, auf die Schnelle improvisierte Ausstellung eröffnend, erwähnten sie bloß – nun, leider ist die Künstlerin nicht unter uns. Mehr sagten sie dazu nicht und äußerten sich auch nicht detaillierter. Allen war es recht, und wieder verlief alles gut. Sogar Nonas Mutter, die noch nicht abgereist war, ging es besser und sie weinte kein einziges Mal an dem Abend.

Den Töchtern zwar schien es, als wäre es Seva nicht so gut zumute, und sie waren ständig um ihn, umsorgten ihn und munterten ihn auf mit ihrer Anwesenheit. Und Seva umarmte sie – mal die eine, mal die andere – im Vorbeigehen und sprach fast heiter: „Gut, dass ich in jungen Jahren nicht nur Bildchen, sondern auch Kinder machte. Bildchen sind manchmal so was von nutzlos.“

Daraufhin, wie es bei Künstlern so üblich ist, verlagerte sich die Feier ins Atelier. Woher die jungen Leute – Freunde von Töchtern und wer weiß wer noch – unerwartet reinplatzten … und sie kamen nicht mit leeren Händen. Sie brachten Fleisch im Drei-Liter-Glas, eine Tüte mit allerlei Grünzeug, Wein und Fladen.Und es stellte sich heraus, dass an diesem Tag nicht nur Nonas Geburtstag ist, sondern auch einer der Ankömmlinge Geburtstag hatte. Natürlich nahm sich Seva vor, die Schaschliks im Hof eigenhändig zu braten, denn diese komplizierte Männerarbeit vertraute er niemals und niemandem an.

Alles war so, wie es im Atelier immer war. Spritzig, voll und laut. Seva herrschte wie ein Zar über dem Tisch, erzählte Anekdoten von Putin, gab lustige Erinnerungen aus seinem privaten Leben preis.Und allen war es so zumute, dass nichts Böses geschehen und Nona munter und gesund, irgendwo hier, zwischen den Leuten, in ihrer unwiderstehlichen roten Strumpfhose anwesend sei.

Tja, und dann ist der Alltag eingekehrt. Die Tage zogen sich hin nicht anders als die, die sich vor einem Monat, vor einem Jahr, vor drei Jahren hinzogen. Und Seva lebte so, wie er konnte und wie er es gewohnt war. Er malte weiter seine Bilder, ging, wenn er Lust hatte, mit der Enkelin spielen, verschickte an Bekannte interessante Sachen, die er aus dem Internet aussuchte und trank ab und zu. Er reiste auch einmal nach Prag mit einer Exkursion. Die Reise war ja längst gebucht. Er wollte mit Nona fahren, fuhr dann aber mit der Tochter. Und sie kehrten zurück, genau zum vierzigsten Gedenktag. Der, komischerweise, schon wieder auf einen Geburtstag fiel. Diesmal war es Sevas Geburtstag. Er nahm alle in Empfang mit den Worten: „Ihr werdet sicher lachen, aber ich habe heute Geburtstag.“

Vielleicht benahmen sich auch deswegen alle so, als ob sie zu Sevas Geburtstag kamen, und nicht zu dem tatsächlichen Anlass. Obwohl sie das schon im Hinterkopf behielten. Auf jeden Fall: So lange sie noch die ersten vier Gläschen tranken, behielten sie es gewiss. Aber je nachdem. Manch einer, nach einer bestimmten Menge an Spirituosen, war aufgeheitert und hatte alle Sorgen los, manch anderer wurde betrübt und andächtig. Wahrscheinlich aus diesem Grund, irgendwann, inmitten der Geselligkeit, bekam der beste und älteste Freund von Seva einen Offenherzigkeitsanfall und sagte dem Seva im Gespräch unter vier Augen: „Ich“, sagte er, „verstehe, nach außen habt ihr euch entschlossen, so zu tun, als ob Nona da wäre. Und wie lebst du? Wenn du alleine bist? Ohne uns, ohne Töchter? Kann ich etwas für dich tun?“

„Verpiss dich!“, brüllte Seva diesem seinen Freund ins Gesicht.

Und er brüllte so laut und für alle Anwesenden so unerwartet, dass es in dem Raum voll mit beschwipsten Menschen, absolut still wurde. Und in dieser Stille war auf einmal der Seva irgendwohin entschwunden. Das Fest aber ging natürlich weiter. Nur jetzt ohne ihn.

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