vorsicht, es wird pathetisch

muss aber sein: heute, am 1.06 ist es genau 20 jahre her, als ich nach deutschland kam. ein kontingentflüchtling, eine plastiktasche mit einer decke, einem kissen, mit guseiserner pfanne (fragt nicht, ich weiß es auch nicht), wäsche, zwei-drei bücher, 100 dollar im portemonnaie für alle fälle („alle fälle“ passierten an der ukrainischen grenze, von jedem ausreisenden wurde ein fünfziger eingesammelt). 

meine ausreise war halbunbewusst: einerseits erfüllte ich erwartungen meiner längst verstorbenen mutter. da ich mich eher in einer pattsituation befand, konnte jegliche entscheidung eine falsche oder eine richtige sein. andererseits nichts hat mich dort gehalten, nichts hat mich hierher gerufen, eine sackgasse, abenteuerlust, ein hang eher weg zu laufen, als da zu bleiben, das gefühl nirgendwo zu gehören, die hoffnung heimat zu finden, verzweiflung, freiheitsdrang. ich ließ es passieren, marginalität wurde mein schicksal, ich gehöre nirgends und überall, aber hier doch mehr, als woanders.

20 jahre. jemand fragte mich: hast du heute geburtstag? kann man wohl so sagen. hier wurden meine kinder geboren, hier erschien mein erstes buch, hier hatte ich glück, wunderbare menschen auf meinen wegen zu begegnen. hier lernte ich ich sein, hinfallen, aufstehen und weiter gehen. mein geliebtes land, ich danke dir für die sprache und vertrauen, für die möglichkeiten und das gefühl hier willkommen zu sein, für gelebten respekt und das wissen, in meinem fremdsein doch dazu zu gehören. hoch die tassen, auf dich, mein deutschland!

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juliag

Julia Grinberg, Mitglied des „Salon Fluchtentier“. Zu hören bei Lesezimmer.de, zu lesen bei: Fixpoetry, Verlagshaus Berlin, Signaturen, Seitenstechen (Homunculus Verlag), MosaikZeitschrift, außer.dem, All Over Heimat. Debütband "kill-your-darlinge" ist 2019 erschienen. Header-Bild: Alexander Paul Englert