A. Khurgin. Panorama (aus dem russischen)

Alexander Khurgin

Panorama

Die Schlange, plötzlich unerwartet lang. Endete draußen. So `ne Schlange ist selten für Deutschland. Und wer da alles nicht stand, in der Schlange. Direkt vor ihnen ein uralter Greis mit einem ungefähr sechszehnjährigen Bengel. Wären nicht seine zwei Krücken, der Greis könnte nicht stehen.

– Die sprechen English,- sagte Aljona leise.

– Ich hör`s, – antwortete Kasankin.

Endlich dran. Der alte Engländer kaufte einen Ticket. Die Kassiererin fragte:

– Auch eine Exkursion?

-Exkursion? – der Alte dachte nach und sagte: – Nehm ich.

-Nochmal drei Euro.

Er zahlte noch drei, bekam ein gelbes Bändchen aufgehalst – ein Erkennungszeichen für den Exkursionsführer.

– Warum hast du nur einen gekauft?- fragte der Junge.

-Ich geh allein,- sagte der Alte,- warte auf mich. In irgendeinem Cafe.

-Du kannst doch nicht allein.

-Macht nichts, – sagte der Alte.

-Aber ich will`s sehn. Bin ich umsonst mitgeflogen, oder wie?

-Du sollst es nicht sehn.

An beide Krücken gestutzt, bewegte er sich in den Panoramasaal.

Der Junge zuckte mit Schultern, ging raus und schaute sich im Hof um. Es gab kein Cafe. Es gab eine Toilette. „Stellt sich an, – dachte er. – Naja, besser als einem 90-Jährigen hinterher zu schleichen und aufzupassen, dass er nicht umkippt. Den Uropa respektieren, so siehts aus“.

Und dem Kasankin hat die Kassiererin gesagt:

– Ihr Studentenausweis ist abgelaufen.

-Hab`vergessen zu verlängern, – meinte Kasankin.

Die Kassiererin wechselte ins reinste Russisch:

-Wers glaubt,- gab trotzdem ermässigte Tickets raus.

-Und eine Exkursion, – sagte Aljona.

Kasankin wunderte sich, schwieg aber.

-Sechs Euro, – sagte die Kassiererin und händigte gelbe Bändchen aus.

Solange die Gruppe sich sammelte, schlenderten sie durch den Saal und schauten sich den ganzen handgemachten Schrecken an, besser gesagt seine Abbildung. Und die Gruppe brauchte schon zwanzig Minuten zum Sammeln. Außer dem Engländer, beinhaltete sie noch sechs weitere: ein alter Deutscher mit seiner Alten – nicht so hochbetagt wie der Engländer, aber dennoch, – eine ebenso deutsche Familie – Mutter, Vater, Kind – und ein Kahlgeschorener komplett in Schwarz, sogar mit Springerstefeln. Aljona und Kazankin tuschelten, hielten Händchen und küssten sich flüchtig. Auch die Alten hielten Händchen. Der Skinhead schaute grimmig. Das Kind drehte Runden, von Motorgeräuschen begleitet. Mama & Papa versuchten ihn zu bändigen. Sagten:

-Schau mal. Siehst du die Kinder da in den Trümmern? Stell dir vor, das könntest du sein.

Das Kind winkte ab. Schrie:

-Das war vor hundert Jahrn. Als es die DDR noch gab,- und düste wieder hin und her, spielte Flugzeug.

Der Exkursionsführer kam. Zählte die gelben Bändchen an den Hälsen und fing eine Erzählung an. Üppig mit Zahlen übersäht: 13.02.45. „796 Bomber der königlichen Luftwaffe. 1478 Tonnen Spengstoff… 1182 Tonnen Zündstoff…. 25 Tausend Opfer. Feuertornado. 1500 Grad. Drei Tage lang“…

Die Deutschen druckten ihre Frauen an sich, die Augen der Frauen tränten. Der Skinhead sagte von Zeit zu Zeit „Scheiße“. Aljona und Kazankin hörten schweigend zu. Der Engländer schwieg auch. Er verstand zwar Deutsch, aber schlecht. Horchte auch nicht sonderlich rein. Stand schwerfällig da, an Krückenknäufe geklammert, drehte langsam den Körper um seine Achse. Er merkte nicht einmal, dass die Gruppe schon weg war. Sie war an einen neuen Ort gezogen, zur Wand. Der Exkursionsführer fing vom neuen zu sprechen an, doch der alte Deutsche stellte sich auf die Zehenspitzen, deutete mit dem Finger auf eine von einem Haus übriggebliebene Fassade, und sagte:

-Hier lebten wir. In diesem Haus, glaub ich. Oder doch im nächsten. An der Stelle, wo  diese Ruinen sind. Alle kamen darunter um. Mama, Oma auch. Alle. Nur ich hab überlebt.

-Und ich kam am 13.Februar zur Welt,- sagte seine Alte. – Ein Wunder.

Der Exkursionsführer legte eine bedächtige Pause ein. Schien so, als hätte er sowas schon öfter gehört.

Eine halbe Stunde führte er die Gruppe im Kreis um dieses künstliche Inferno. Und sprach, sprach, sprach. Monoton, nicht laut und wieder in Zahlen, von denen schon übel wurde. Es schien, er betete die Zahlen: 12 Tausend Häuser, 24 Banken, 640 Lager, 31 Hotels, 26 Gaststätten, 18 Kinos, 11 Kirchen, 50 historischen Gebäude, 39 Schulen, 19 Krankenhäusern, 19 Postämter, 19 Militärhospitale…

Anschließend teilte der Exkursionsführer mit, dass die Aussichtsplattform in der Mitte des Saals drei Ebenen habe. Auf der obersten glaubt man über den Trümmern von Dresden zu schweben. Die Gruppe bedankte sich zerstreut, einer klatschte verhalten in die Hände. Der Exkursionsführer verneigte sich leicht, sagte, auf ihn warte eine neue Gruppe, sammelte die gelbe Bändchen ein und ging Richtung Kasse.

Der Engländer drehte sich zu Aljona:

-Sprecht ihr English?

-Ja, – antwortete Aljona.

-Helft ihr mir hochzusteigen?

-Kein Problem,- sagte Kasankin und sie nahmen den Engländer unter ihre Fittiche.

-Seid ihr Russen?, – fragte der Alte.

-Nein,- sagte Aljona.

-Polen?

-Nein. Ukrainer.

Der Alte nickte, nach dem Motto, ja, schon mal gehört und sie fingen an, die Treppe zu erklimmen. Mit Pausen schafften sie eine Etage. Der Alte verschnaufte und schlürfte um die Aussichtsplattform herum. Nach jedem Meter hielt er an, Leute machten ihm Platz, ließen ihn durch. Er musterte vorsichtig die Trümmer. Kasankin und Aljöna folgten ihm und schauten auch. Dann kam auch der Rest der Gruppe. Das Kind rannte nicht mehr herum. Fragte: „Wer hat die Stadt kaputtgemacht?“ und „Wann gehn wir heim, mir ist langweilig“.

Überhaupt wars rappelvoll auf der Plattform. Viele waren mit Ferngläsern gekommen. Scheinbar, interessierten sich die Leute für Details. An jedem Gräuel sind die Details am spannendsten.

-Nein, – sagte der Alte, – muss weiter hoch.

Aljona und Kasankin halfen ihm, eine weitere Etage zu bewältigen. Und hielten direkt über  einer Schar tieffliegender Vögel. Riesiger, bunter, papageifarbener.

-Den Zoo haben sie auch zerbombt? – fragte Kasankin – Die Vögel sehen irgendwie exotisch aus.

-Klar, der Exkursionsführer hat was vom Zoo erzählt – sagte Aljona.

-Scheiße,- sagte der Skinhead, – Scheiße.

Von dieser Ebene aus, sahen die Zuschauer die Trümmer ein wenig von oben. Wie aus Fenstern von oberen Etagen. Und die Flugzeuge heulten weiter, und von unten stieg gemalter Rauch auf, und der Widerschein irgendeines weltumfassenden Brands färbte alles und alle in rosa.

Jemand fasste Aljona an den Ellbogen.

-Was?

-Höher, – sagte der Engländer. – Ich möchte höher steigen.

-Na dann eben höher, – sagte Aljona.

Und sie fingen den Aufstieg an, bis ganz an den Gipfel. Mit letzter Kraft, Schritt für Schritt, ruhten sich auf beinah jeder Stufe aus. Der Alte schien völlig am Ende zu sein. Aber er gelangte ans Ziel. Dank der Krücken. Dank Aljona und Kasankin. Dank seiner englischen Sturheit. Zum Glück gab es auf der obersten Ebene eine Bank, der Alte brach darauf zusammen. Warf sich an die Lehne zurück. Erholte sich schwer.

– Wozu haben wir uns hierher geschleppt? – fragte Kasankin.

-Wollts sehn, – sagte der Alte, – ich hab das doch nie gesehn, – er zeigte mit der Hand. – Ich sah bloß Rauch.

-Jetzt aber – sagte Kasankin.

-Gäbs nur nen Hitler für die – sagte der Skinhead.

Kasankin ließ sich nicht auf den Skinhead ein. Dazumal war Aljona damit beschäftigt, den Alten wieder aufzurichten.

-Schaffen Sie`s runter?

-Schwer zu sagen.

-Soll ich vielleicht `nen Krankenwagen rufen?

-Wär`besser so.

Aljona tippte aufm Smartphone herum und legte es ans Ohr. Und fing an zu erklären, was, wem und wo passierte. Und beugte sich zum Alten runter:

-Wie heißen Sie?

Der Alte antwortete nicht. Aljona fasste ihm an die Schulter. Der Alte begann auf die Seite zu kippen und nach Luft zu schnappen.

-Ich glaube, er stirbt, – sagte Aljona.

-Verdammt,- sagte Kasankin und wendete sich ab.

Er hatte noch nie gesehen, wie Leute sterben und hatte Angst davor. Obwohl er es sich selbst nicht zugestehen wollte.

-Was ist mit ihm,- fragte der Skinhead.

Aljona schwieg.

-Scheiße ,- sagte der Skinhead, – alles Scheiße.

In  etwa fünf Minuten war der Krankenwagen da. Die Truppe wuselte um den Alten herum und bald atmete er tief auf. Die Sanitäter packten ihn auf eine Trage und brachten ihn die Treppe herunter. Schoben die Trage in einen Wagen und fuhren mit Sirene, Richtung unbekannt. Der Bengel tauchte auf:

-Was ist denn passiert?, fragte er auf Englisch.

Niemand antwortete ihm. In der Schlange wusste niemand Bescheid, was denn passiert sei. Sie hatten bloß gesehen, wie die Trage in den Wagen geladen wurde. Und Kasankin und Aljona waren noch nicht herausgekommen. Am Panoramaausgang stolperten sie in ein Cafe, bestellten je eine Tasse Tee und tranken ihn jetzt in kleinen Schlucken leer. Um sich  aufzuwärmen.

Übersetzt aus dem Russischen: Julia Grinberg

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