Die vorläufige Bescheinigung meiner selbst

Es gibt Formulare für fast alles: Wohnsitz, Einkommen, Versicherungen, Rechnungen. Es gibt sogar ein Formular für den Nachweis, dass man wirklich existiert – zumindest verwaltungstechnisch, wie ich kürzlich erfahren habe. Für das innere Dasein allerdings stellt keine Behörde ein Dokument aus. Cogito, ergo sum ist schön, aber nicht physisch greifbar. Also schreibe ich mir selbst eine Art Existenzbescheinigung, um nicht wie Schrödingers Katze in der Luft zu hängen. Mit jedem Satz bestätige ich mir für einen Augenblick: Ich bin noch vorhanden.

Mein Schreiben ist auch der Versuch, mit jemandem zu sprechen, der nicht da ist. Ich habe lange geglaubt, man müsse nur gründlich genug suchen, dann finde sich dieser Mensch, dem man alles sagen kann. Inzwischen halte ich mich an die weniger romantische Variante: Wahrscheinlich ahnt jeder irgendwann, dass die vollständige Verständigung nicht vorgesehen ist. Mit einem Abwesenden zu sprechen, klingt vielleicht traurig, ist es aber nicht – ganz im Gegenteil: Man ist dabei völlig frei. Außerdem versickern Gespräche mit einem Gegenüber irgendwann. Nicht dramatisch, sondern wie ein Fluss, der im Hochsommer schmaler wird. Die großen Themen sind abgeerntet, und sich regelmäßig über Rezepte oder das Wetter auszutauschen, liegt mir nicht.

So erscheint Schweigen als die ökonomischere Form der Kommunikation – mit Selbstgesprächen als Konsequenz. Natürlich schriftlich, damit niemand den Notarzt ruft. Ich schreibe an die Person, die ich bereits kenne, und an diejenige, die ich vielleicht eines Tages noch werden werde. Das funktioniert erstaunlich gut. So gut, dass aus dem Gespräch mit mir selbst irgendwann Texte für andere entstehen.

Vielleicht ist Schreiben auch eine Form der Spurensicherung. Die Zeit hat ja die Eigenschaft, selbst intensive Tage rückstandslos verschwinden zu lassen. Ein Text widersetzt sich diesem Verschwinden. Er sagt: Hier war jemand und hat etwas gesehen, gedacht, gefühlt. Und weil Schreiben ein herrlich friedliches Mittel der Expansion ist – wie die einer Pusteblume –, kann man dabei fremde Perspektiven anprobieren wie Mäntel in einem Geschäft. Man schlüpft kurz hinein, prüft den Sitz und legt sie wieder ab.

Dann gibt es die seltenen Momente, die ich nur ungern zu pathetisch beschreibe. Während des Schreibens scheint die Sprache plötzlich klüger zu werden als ihr Verfasser. Hinter irgendeiner banalen Beobachtung – einer Tasse auf dem Tisch, einem Satz im Vorbeigehen, dem Geräusch eines Zuges – öffnet sich für einen Sekundenbruchteil etwas, das sich vollkommen stimmig anfühlt. Man denkt: Jetzt habe ich etwas verstanden. Nicht unbedingt den Sinn des Lebens – so vermessen bin ich nicht –, aber doch irgendeinen Zusammenhang, der größer ist als man selbst. Das Problem ist nur: Sobald man versucht, ihn aufzuschreiben, zerfällt er wieder in gewöhnliche Worte.

Auch das mag ich am Schreiben: dieses ständige Spiel zwischen Gelingen und Scheitern, der Versuch, etwas Unsagbares zu sagen. Und deshalb schreibe ich weiter an meiner sehr vorläufigen Bescheinigung – ausgestellt von der Sprache selbst.

Veröffentlicht von

juliag

Julia Grinberg, Mitglied des „Salon Fluchtentier“ und Darmstädter Textwerkstatt. Zu hören bei Radio Lora München, Lesezimmer.de, zu lesen online bei: Verlagshaus Berlin, Signaturen, analog bei außer.dem, All Over Heimat, OSTRAGEHEGE, Jahrbuch der Lyrik 2021 (Schöffling), Worte in finsteren Zeiten (S.Fischer), Risse und Welt (Dillmann). Debütband "kill-your-darlinge" (Gutleut) ist 2019 erschienen. Header-Bild: Alexander Paul Englert