im Odenwald fragte Kurt, warum ich schreibe

1. Schreiben als Existenzbescheinigung:

Am Anfang schrieb ich, um mit jemandem zu sprechen, der nicht da war. Es gab niemanden, dem ich alles sagen konnte, ich habe lange gesucht, offen gestanden, ich suche immer noch, aus Trotz und Gewohnheit, obwohl ich es schon weiß – es gibt niemanden, ich, wie ein jeder, bin alleine und nicht zwangsläufig existent, wie Schrödingers Katze. So schrieb und schreibe ich mich selbst, gebe mir eine zeitweilige Bescheinigung meiner, hänge an diesem seidenen Faden.

2. Schreiben als Schweigen, als Selbstgespräch:

Als Gespräche sich ausdünnten, Themen ausgingen (über Türzargen wollte ich nicht spre-chen), verlor ich den Faden. Es erschien mir viel ökonomischer zu schweigen. So sprach ich zu mir, zu der, die ich kenne und zu der, die ich noch kennenlernen will. Um nicht im medizinischen Sinne auffällig zu werden, sprach ich zu mir schriftlich. Es hat funktioniert. Es hat so gut funktioniert, dass ich dann auch nicht nur zu mir, sondern auch zu dir und, schließlich zu allen schriftlich sprach.

3. Schreiben als Spurensicherung und kriegslose Expansion:

Vielleicht schreibe ich, weil ich das Dasein mal aus- mal aufhalten will? Zeit nicht spurlos zerrinnen lassen will? Mich vergewissern, dass ich da bin und da sein werde? Verlängere mich, weite mich aus, expandiere, borge auch mal das Fremde, probiere es an, lege es im Zweifelsfall ab?

4. Schreiben als mystisches Vorgehen:

Ein paar Mal geschah es mir: dass der Schreibvorgang, besser gesagt die verselbststän-digte Sprache, hinter irgendeinem Profanen eine Richtigkeit entdeckte. Für einen Mo-ment war der Schleier weg, ich glaubte kurz, einen Code zu entziffern, Sinn des Lebens, mit Verlaub, naja, irgendwas verstanden zu haben, das sich schlicht nicht in Worte fassen lässt. Vielleicht war ich einfach betrunken.

Aus „Journal einer Unzugehörigkeit“, Elif Verlag, 2025.

Veröffentlicht von

juliag

Julia Grinberg, Mitglied des „Salon Fluchtentier“ und Darmstädter Textwerkstatt. Zu hören bei Radio Lora München, Lesezimmer.de, zu lesen online bei: Verlagshaus Berlin, Signaturen, analog bei außer.dem, All Over Heimat, OSTRAGEHEGE, Jahrbuch der Lyrik 2021 (Schöffling), Worte in finsteren Zeiten (S.Fischer), Risse und Welt (Dillmann). Debütband "kill-your-darlinge" (Gutleut) ist 2019 erschienen. Header-Bild: Alexander Paul Englert